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Psychokognitive Störungen

Kognitive Beteiligung
Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten
Psychische Begleiterkrankungen (Komobiditäten)
Affektive Störungen
Suchterkrankungen
ADHS
Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS)
Suizidalität und Suizides Verhalten

Das zentrale Nervensystem (ZNS) reagiert besonders sensibel auf die toxische Wirkung von Alkohol. Da es sich noch während der gesamten Schwangerschaft weiter entwickelt, ist es auch fortwährend gefährdet. Je nach konsumierter Alkoholmenge und embryofetaler Entwicklungsphase des ungeborenen Kindes während der Alkoholexposition, können sehr unterschiedliche Schädigungen entstehen, die sich wiederum in kognitiven und psychischen (somit auch im Sozialverhalten) Defiziten widerspiegeln können. (Siehe auch unter Leben mit FASD) Diese Störungen resultieren aus einer irreversiblen toxischen Gehirnschädigung und führen oft zu einer Diskrepanz zwischen dem biologischen und mentalen Alter.

Kognitive Beteiligung

  • Exekutive Funktionen: Die betroffenen Kinder (und spätere Erwachsene) haben oft deutliche Schwierigkeiten bei der Planung, Problemlösung und Selbstregulation. Menschen mit FASD können Handlungsfolgen oft nicht absehen. Selbst alltägliche Lebensaufgaben, vor allem sequentielle Handlungen, die aus mehreren Schritten in einer bestimmten Reihenfolge bestehen, können eine Herausforderung darstellen.
    Auch die Einschätzung der Handlungskonsequenzen kann betroffen sein, was sich wiederum vor allem in Interaktionen zeigt und auch das Lernen durch Erfahrung erschwert.
  • Gedächtnis und Lernen: Das Kurz- und Langzeitgedächtnis, aber auch einige spezifische Lernbereiche (z. B. in Mathematik oder Lesen) können betroffen sein. Oft zeigen sich diese Probleme schon im Grundschulalter. 
  • Aufmerksamkeit: Es können ADHS-ähnliche Symptome auftreten wie zum Beispiel Konzentrationsschwäche, reduzierte Aufmerksamkeitsspanne und eine verlangsamte Informationsverarbeitung.
  • Intelligenz: Eine schwere Intelligenzminderung ist möglich, aber nicht zwingend. Die IQ-Werte können im Grenzbereich (70–85), aber auch ganz normal oder überdurchschnittlich sein. Dies führt zu Missverständnissen, weil die Diskrepanz zwischen der gemessenen allgemeinen Intelligenz und den Alltagskompetenzen das Umfeld oft irritiert.

Psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten

  • Verhaltensstörungen: Viele Menschen mit FASD zeigen Probleme in sozialen Interaktionen, zum Beispiel Impulskontrollstörungen, aggressives oder gar dissoziales Verhalten sowie Schwierigkeiten im sozialen Urteilsvermögen. Nicht selten geraten Menschen mit FASD aus diesen Gründen in Konflikten mit dem Gesetz und werden bereits in jungen Jahren straffällig. 

Psychische Begleiterkrankungen (Komorbiditäten)

  • Obwohl die ursprüngliche Schädigung bei FASD angeboren ist, entwickeln sich viele sekundären Störungen oft erst im Laufe der Kindheit und Jugend.
  • Die chronischen Überforderungen, bedingt durch kognitive Defizite, aber auch begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten oder das Fehlen positiver Vorbilder in der Kindheit sowie eine mögliche genetische Disposition (Bio-Psycho-Soziales Modell) können zu vielen Sekundärerkrankungen führen.
  • So entwickeln fast 90% der Menschen mit FASD im Laufe des Lebens zusätzliche psychische Probleme, wie zum Beispiel: 

Affektive Störungen

  • Es besteht ein hohes Risiko zur Entstehung von Depressionen und Angststörungen. In Studien sind ca. 39%-50% der Menschen mit FASD im Laufe des Lebens von Depressionen betroffen. 
  • Dies liegt deutlich über der allgemeinen Bevölkerungsprävalenz und ist möglicherweise im Zusammenhang mit chronischer Überforderung, reduziertem Selbstwirksamkeitserleben und Enttäuschungserfahrungen der Betroffenen zu verstehen.
  • Auch die direkte toxische Wirkung von Alkohol bei pränataler Alkoholexposition (PAE) verändert die Gehirnstruktur und die gesamte hormonelle Stressregulation durch die Störung in der HPA-Achse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse), was die Vulnerabilität zur Entstehung von Depressionen erhöht.
  • Die hohe Komorbidität von FASD und Angststörungen kann einerseits durch Bindungstraumatisierungen und unsicheres Umfeld in der Kindheit, aber auch durch Folgen der Frontalhirnschädigung mit Defiziten in Reizverarbeitung, Alltagsbewältigung und Einschätzung sozialer Kontakte erklärt werden.
  • Die Welt wird von vielen Kindern mit FASD als unsicher, unberechenbar und beängstigend erlebt. 

Suchterkrankungen

  • Menschen mit FASD zeigen ein erhöhtes Risiko (ca. 2,8-3x höheres Risiko)  für die Einwicklung einer Substanzkonsumstörung (Alkohol, Drogen) im Jugend- und Erwachsenenalter. 
  • Hier können sowohl genetische Faktoren, als auch neurobiologisch bedingte defizitäre Emotionsregualtions- und Problemlösungsstrategien der Betroffenen oder aber negative Vorbilder in der Kindheit (Substanzkonsumierendes Umfeld) eine Rolle spielen.

ADHS

  • Ca.50 % der Kinder mit FASD zeigen auch ADHS-Symptome. Aufgrund der ähnlichen und zum Teil überlappenden Symptomatik wird FASD oft übersehen und primär als ADHS diagnostiziert, zumal oft fremdanamnestische Informationen bezüglich des Alkoholkonsums in der Schwangerschaft fehlen. Dies kann zu nicht passenden Behandlungsansätzen und Erwartungen führen. 
  • Zum Beispiel spricht ADHS oft gut auf Einnahme von Stimulanzien an, während Kinder mit „reinem FASD“ oft eine geringe oder gar keine Wirkung auf diese Medikamente zeigen, da die Ursache eine toxische strukturelle Hirnschädigung und kein reines Dopamin-Ungleichgewicht im Gehirn ist.

Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS)

  • Das Risiko für eine PTBS-Diagnose ist bei FASD-Betroffenen etwa 4,13x höher als in der Allgemeinbevölkerung.
  • Oft wachsen Kinder mit FASD in einem eher unsicheren und instabilen Umfeld auf, was das Risiko für emotionale Vernachlässigung oder gar Misshandlungen erhöht.
  • Auch fehlende Selbstschutzstrategien, hohe Suggestibilität und erschwerte Gefahreneinschätzung der Betroffenen können zur Sekundär-Viktimisierung und Traumatisierung der Menschen mit FASD führen. 

Suizidalität und Suizides Verhalten

  • Bereits Jugendliche mit FASD weisen ein signifikant erhöhtes Risiko für Suizidgedanken und -versuche, u.a. aufgrund komorbider psychiatrischer Erkrankungen und ausgeprägter Vulnerabilität, auf. Ganz besonders sind dabei die nicht-intelligenzgeminderten Jugendlichen gefährdet.