Leben mit FASD
Durch Alkohol verursachte hirnorganische Veränderungen sind nicht heilbar und bleiben ein Leben lang bestehen. Dies bedeutet, dass je nach Alter auch alle damit verbundenen Lebensbereiche tangiert werden und das Umfeld mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert ist. Folgende Auffälligkeiten können auftreten, wobei die Ausprägungen sehr individuell sind:
In der Säuglings- und Kleinkinderzeit
Im Vorschulalter
Im Schulalter
Pubertät und Adoleszenz
Alltagsbewältigung und Pflege
Emotionale und psychische Belastung
Belastungen im Familiensystem und sozialen Umfeld
Beeinträchtigung der exekutiven Funktionen
In der Säuglings- und Kleinkinderzeit
- Irritabilität, besonders bei „polydrug“-Müttern, Alkoholentzugssyndrom (Unruhe, Schwitzen, Zittern, reizbar und nervöse Schlafstörungen)
- Oft lang anhaltende Ein-und Durchschlafstörungen
- Gedeihstörungen (oft schwacher Saugreflex, Störung der Schluckkoordination)
- Fütterstörungen
- Vermehrte Infektanfälligkeit
- Allgemeine Muskelhypotonie, wenig Bewegungsaktivität oder auch deutliche Unruhe
Im Vorschulalter
- Mangelnde Gewichtszunahme (Dystrophie)
- Mangelndes Grössenwachstum (Minderwuchs)
- Zu kleiner Kopf (Mikrozephalus)
- Entwicklungsverzögerung:
- Motorik
- Wahrnehmung (kennen keine Gefahren)
- Sprache
- Kognitive Störungen
- Auffälligkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation
- Hyperaktivität, Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörung
Im Schulalter
- Deutliche Entwicklungsstörungen
- Lernprobleme
- Kein Gefühl für Raum und Zeit
- Soziale Schwierigkeiten (Konflikte/Mobbing in der Schule, "falsche Freunde")
- Exekutive Funktionsstörungen inkl. Impulsivität
- Konflikte im sozialen Umfeld
- Psychiatrische Diagnosen und Erkrankungen am häufigsten ADHS, Autismusspektrum und Depression
- Fehlende Selbstständigkeit im Alltag
Pubertät und Adoleszenz
- Gewichtszunahme (vor allem bei Mädchen!)
- Lernstörungen, Schulversagen
- Probleme mit der Berufsausbildung
- Auffälligkeiten im Sexualverhalten
- Delinquenz
- Psychiatrische Diagnosen und Erkrankungen am häufigsten ADHS und Depression
- Fehlende Selbstständigkeit
- Eingeschränkte Geschäftsfähigkeit, nicht mit Geld umgehen können
Für das (familiäre) Umfeld bedeutet dies grosse Herausforderungen im Bereich Alltagsbewältigung und Pflege, emotionaler und psychischer Belastung und Belastungen im Familiensystem und sozialem Umfeld.
Alltagsbewältigung und Pflege
- Intensive Aufsicht und strukturierte Unterstützung sind nötig, bedingt durch Einschränkungen bei Impulskontrolle, Handlungsplanung und Gefahreneinschätzung.
- Chronische Schlafschwierigkeiten des Kindes führen zu Müdigkeit und Erschöpfung der Bezugspersonen.
- Wegen beeinträchtigter Exekutivfunktionen: Alltagsroutinen (Aufräumen, Hausaufgaben etc.) gestalten sich zeitaufwändig und konfliktreich und häufig nicht dem chronologischen Alter entsprechend.
- Häufige Arztbesuche, Therapien, die Suche nach geeigneten Schul- und Wohnformen etc. erfordern einen hohen administrativen und zeitlichen Aufwand.
Emotionale und psychische Belastung
- Ständige Unvorhersehbarkeit, Impulsivität und emotionale Ausbrüche des Kindes führen zu erhöhtem Stresslevel. Das Risiko für ein Burnout steigt beträchtlich.
- Gefühle von Inkompetenz, Schuld, Selbstzweifel und Überforderung treten auf, weil herkömmliche Erziehungsansätze (Konsequenzen, Logik, Verstärkersysteme) scheitern.
- Erwartungen an ein "typisches" Pflegekind/Wunschvorstellung des Familienlebens müssen angepasst werden. Trauer über verlorene Leichtigkeit des Alltags als Folge.
- Herausforderndes Verhalten des Kindes erschwert Teilnahme an sozialem Leben (Freunde besuchen, Ausflüge, Ferien etc.). Die Familie zieht sich zurück, um Stress, Konflikte und Stigmatisierung zu vermeiden.
Belastungen im Familiensystem und sozialen Umfeld
- Geschwisterkinder leiden evtl. unter reduzierter Aufmerksamkeit der Eltern (Schattenkinder), werden evtl. selber Opfer des impulsiven Verhaltens des Kindes mit FASD.
- Unterschiedliche Ansichten über den Umgang mit herausforderndem Verhalten und Mangel an Paarzeit führen zu einer erhöhten Belastung der Paarbeziehung.
- Mangelndes Verständnis im Umfeld: FASD-begründetes Verhalten wird als Erziehungsfehler oder böswilliges Verhalten fehlinterpretiert. Führt zum ermüdenden Gefühl, sich permanent rechtfertigen/erklären zu müssen.
- Konfabulation (Auffüllen von Gedächtnislücken durch Fantasie) des Kindes wird innerhalb und ausserhalb der Familie als "Lügen" wahrgenommen. Innerfamiliär führt dies unter Umständen zu Vertrauensverlust und erschwert emotionale Bindung, ausserfamiliär führt dies zu sozialen Konflikten.
Beeinträchtigung der exekutiven Funktionen
Bei einer hirnorganischen Schädigung durch Alkohol während der Schwangerschaft sind die exekutiven Funktionen besonders betroffen. Diese werden definiert als höhere kognitive Fähigkeiten, die unabhängig von der gemessenen Intelligenz (IQ) bestehen und umfassen:
- Setzen von Zielen
- Strategische Handlungsplanung zur Erreichung dieser Ziele
- Einkalkulierung von Hindernissen auf dem Weg dorthin
- Entscheiden, Prioritäten setzen
- Selbstkontrolle (Impulskontrolle, Emotionsregulation)
- Arbeitsgedächtnis
- Bewusste Aufmerksamkeitssteuerung
- Zielgerichtetes Beginnen, Koordinieren, Sequenzieren von Handlungen
- Motorische Umsetzung, Beobachtung der Handlungsergebnisse und Selbstkorrektur
